Die Mittelbayerische Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 06.12.11


Was ist denn da drin? Die Kinder untersuchen den Sack mit den Süßigkeiten.
Fotos: Tino Lex

Edel sei der heilige Nikolaus, hilfreich und gut

GLAUBE Seit 41 Jahren schlüpft Günter Edel in das Gewand des Bischofs von Myra. Seine Botschaft geht an die Wurzeln des Christentums.


Günter Edel waltet seines Amtes als Bischof von Myra, assistiert von einer Stabträgerin.

VON REINHOLD WILLFURTH, MZ

REGENSBURG. "Das ist der Herr Edel!", ruft ein vorwitziger Zweitklässler dem Heiligen Nikolaus zu, der soeben gemessenen Schrittes das Klassenzimmer betreten hat. Wer jetzt denkt, das war's gewesen mit der feierlichen Nikolausstimmung, irrt. "Das ist doch klar, dass der Nikolaus bei den vielen Kindern auf der Welt Helfer braucht", kontert der würdige Herr, der den Schülern der 2 b der Kreuzschule trotz Bart, Mitra und Bischofsstab irgendwie bekannt vorkommt. Na, wenn man's so sieht. Herr Edel, den seine Brille verraten hat, ist als Vertreter des Heiligen wieder rehabilitiert und darf weiterhin den Siebenjährigen seine Botschaft sowie den Inhalt des gut gefüllten Jutesacks überbringen.
Das kommt davon, wenn man gleich zwei Ehrenämter für Abc-Schützen übernommen hat. Günter Edel schlüpft nämlich nicht nur seit 41 Jahren in das Gewand des Bischofs von Myra, sondern bringt auch das ganze Jahr über als Lesepate spannende Literatur unter die jungen Leute - darunter auch die 23 aufmerksamen Kinder, der 2 b. Aber kritische Fragen nach seiner Identität ist Edel gewohnt, und seine Antwort leuchte den allermeisten Kindern ein, sagt der Nikolaus bei der Nachbesprechung auf dem Gang im dritten Stock der Schule.
Seit acht Uhr morgens ist Günter Edel in der Kreuzschule unterwegs. Weil der hauseigene Nikolaus ausgefallen ist, springt der 75-Jährige auf Bitten von Rektorin Gabriele Seifert gerne ein - auch wenn sein Terminkalender am 5. und 6. Dezember stets prall gefüllt ist. Mit Günter Edel hat sich die Schule einen Nikolaus ins Haus geholt, der sich zu schade dafür ist, Kindern ihr Sündenregister vorzuhalten, als lächelnder Mahner joviale Sprechblasen abzusondern oder gar als zipfelmütziger "Weihnachtsmann" Zweitklässler auf den Schoß zu nehmen und sie mit Süßigkeiten zu füttern.

Misstrauen gegen das allzu Heilige
Nein, Edel will mit der Legende vom heiligen Nikolaus die Seele der Kinder berühren, sie stark machen und selbstbewusst. Strafen oder deren Androhung sind ihm ein Graus, weswegen ihn auch nie ein Krampus begleiten darf. Er will Verständnis wecken bei den Kindern für die Fehler, die wir Menschen am laufenden Band produzieren - die aber nicht so schlimm sind, wenn wir daraus etwas lernen. Sein Evangelium handelt vom Verzeihen, vom Hinwegsehen über die alltäglichen Macken und Versäumnisse. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist für den gläubigen Katholiken eine der wichtigsten Botschaften des Christentums. Edel zitiert seine tiefgläubige Oma, die die Verfehlungen und Abgründe vieler Kleriker geißelte, um ihnen mit folgendem Nachsatz wieder die Absolution zu
erteilen: "Aber mei, sie san halt aa Menschen - wia mia aa". Das Sakrosankte, das allzu Heilige war Edels Oma suspekt - und auch der Enkel verzeiht eher dem Sünder als den Perfekten nachzueifern. Wenn er an diesem Vormittag den Kindern ein bisschen von der Kultur des Verzeihens beigebracht hat, dann ist er zufrieden.
Und er preist mit der Legende vom heiligen Nikolaus die reinen Herzen der Kinder, die den Bischof von Myra einst erst auf die Idee brachten, ein Hilfswerk für Arme ins Leben zu rufen. Diese Botschaft ist übrigens so universell, dass Kinder mit Wurzeln aus anderen Kulturen, von denen es an der Kreuzschule ziemlich viele gibt, keine Probleme mit dem Zugang zu dem christlichen Heiligen haben. "Schließlich kommt der heilige Nikolaus auch aus einer Stadt, die heute in der Türkei liegt", sagt Günter Edel.


Für Kinder aller Kulturen ist der Nickolaus ein Sympathieträger.

Wangenstreicheln weckt Erinnerung
Nicht nur Kinder finden sofort einen Draht zum "Heiligen". Wenn Günter Edel als Nikolaus in die Altenheime geht, den Bewohnern dort die Hand hält oder über die Wange streichelt, dann entspannen sich auch bei Todkranken die Gesichtszüge. Vielleicht ist es die Erinnerung der alten Damen und Herren an einen gütigen Mann aus ihrer Kindheit, der statt drakonisch zu strafen sanft zu gutem Benehmen mahnte. Wichtige Sekundärtugenden wie Ordentlichkeit, Höflichkeit und Sauberkeit liegen durchaus auch Günter Edel am Herzen. Die Kinder der Klasse 1b sind mucksmäuschenstill, als sie der Nikolaus daran erinnert, ihre Anziehsachen nicht herumliegen zu lassen, das Hausaufgabenheft immer auf den Tisch zu legen oder nicht auf den Fließen auf den Gang zu schlittern - sonst gehe es den Kindern womöglich so wie ihm: Edel zeigt den Erstklässlern die Stelle, wo einst sein Handgelenk brach.
Die Kinder hängen Edel an den Lippen, als dieser zum fünften Mal an diesem Tag die Nikolaus-Legende erzählt. Ein Bub schnippt eifrig mit dem Finger, als ein Zimmermann sich gerade dazu entschließt, mit dem historischen Nikolaus auf eine gefährliche Schiffsreise zu gehen. "Weißt du wohl, wie die Geschichte weitergeht?", fragt Günter Edel. "Nee, aber ich heiße mit Nachnamen Zimmermann", sagt der Schüler. Musste mal gesagt werden.
Die Kinder sind allmählich ein bisschen zappelig geworden. Das Verteilen von Apfel, Nuss und Mandelkern hat Günter wohlweislich an den Schluss seines Auftritts gelegt. Schnell noch alle fünf Strophen von "Bald ist Nikolau-haus-Abend-da" geschmettert - das Lied haben die Kinder zusammen mit Lehrerin Gabi Hahn innerhalb von zwei Tagen perfekt einstudiert - und schon müssen zwei Schüler dem Nikolaus dabei helfen, den schweren Jutesack mit Süßigkeiten ins Klassenzimmer zu schleppen.
Marcello (7) zückt seine selbst gefertigte Nikolaustüte aus der Handarbeitsstunde und auch Nico freut sich auf die süßen Gaben seines heiligen Namensvetters. Denn, bei aller Moral: Ein Nikolausbesuch ohne Geschenke, das geht wirklich nicht.



Da geht die Sonne auf:
Nikolaus spricht zu den Kindern.
Auf zur nächsten Station:
Bis zu 15 Mal ist Günter Edel unterwegs.

Auch Lehrerin Gabi Hahn freut
sich über den Auftritt des Heiligen.

NIKOLAUS