Die Mittelbayerische Zeitung berichtete in ihrer Wochenendausgabe vom 26/27.7.03

Schwester Aquinata hat Schulschluss!
Nach 47 Jahren verlässt eine Legende die Kreuzschule / "Ich wollte nicht Lehrerin werden!"
von Ursula Stöcker, MZ

ALTSTADT. Sie hat die Grundschule mit Erfolg abgeschlossen: Gestern war für die 71-jährige Oberlehrerin Schwester Aquinata der letzte Schultag. In 47 Jahren an der Kreuzschule brachte die Dominikanerin Generationen von Regensburgern Lesen, Schreiben, Rechnen bei. Mit ihr endet die Unterrichtsverpflichtung, die das Kloster Heilig Kreuz bei der Säkularisation einging, um der Auflösung zu entgehen. Das "Rennerl", wie die Kinder sie liebevoll nannten, war die letzte Schwester, die eine Klasse leitete.

"Den Spitznamen 'Rennerl' haben mir die Kinder gegeben. Nach zwei Jahren hab' ich erst gemerkt, dass ich damit gemeint war", erzählt die quirlige, zierliche Schwester schmunzelnd. An ihrem Temperament änderten 71 Lebensjahre kaum etwas, an ihrer Liebe zu Kindern 47 Jahre als Lehrerin gar nichts.
"Dabei wollte ich eigentlich nicht Lehrerin werden, sondern zu den Schwarzen nach Afrika", erzählt die Gastwirtstochter aus Memmingen, die nach ihrem Abitur aus voller Überzeugung in das Missionskloster der Dominikanerinnen in Strahlfeld eintrat. Dann die Enttäuschung: "Ich war nicht tropenfähig!"
1953 kam sie zunächst als Laienschwester ins Kloster Heilig Kreuz, machte als Novizin einen "Pädagogischen Lehrgang" bei den Englischen Fräulein und arbeitete ab 1956 fest als Lehrerin an der Kreuzschule - ohne eigene Klasse, als Unterstützung gedacht für die damals noch 15 Dominikanerschwestern an der Kreuzschule. "Ich hab' gefragt, wie und was ich helfen kann - am Schluss stand ich mit 32 Turnstunden in der Woche da."


Fußball in der Pause mit der 4c

1961 bekam sie die erste eigene Klasse, unterrichtete fortan alle Fächer. "Außer Musik - das Lied, das ich als Novizin singen sollte, habe ich bis heute noch nicht gesungen ..." Beim Sport kamen die Klassen von Schwester Aquinata, die 36 Jahre lang Sportwart an der Schule war, nie zu kurz: Beim Schwimmen holten "meine Kinder" viermal den ersten Platz in Bayern und zwölfmal in der Oberpfalz. Die ambitionierte Schwimmerin Aquinata spielt bis heute "mit meiner Rasselband" begeistert Fußball, unterrichtet Geräteturnen.
In Ordenstracht Vorturnen am Barren? "Mein Rock ist ja weit, das geht schon! Vor drei Jahren hab' ich das Vorturnen aber wegen meinem Rücken aufgegeben."
"Ich unterrichte Kinder, deren Großmutter und Mutter schon bei mir in die Schule gegangen sind. Der Kontakt mit vielen ist nie ganz abgerissen", erzählt Schwester Aquinata, die Kinder trotz aller Disziplin auch mit den Herzen versteht, sie wie "junge Erwachsene" behandelt, Probleme ausdiskutiert. "Nur Lügen kann ich nicht leiden!" Der Erfolg gibt ihr Recht. Oberlehrerin Sr. Aquinata hält nur die Hand in die Höhe und die Kinder der 4c spuren, sind still. "Bei meinen Eltern im Gasthaus haben sich die Gäste so Gehör verschafft - was im Wirtshaus funktioniert, funktioniert auch in der Schule!"



"Sandkastenspiele" im Heimat- und Sachkundeunterricht:
Castra Regina haben die Schüler nachgebaut.
Bereits 1961 holte Schwester Aquinata
den Sand vom Donauufer an der Schillerwiese.

"Für Kinder ist eine Schwester wohl irgendwie ein Rätsel." Sr. Aquinata erinnert sich an die Frage eines Achtjährigen: "Schwester ich weiß gar nicht, bist Du ein Mann oder eine Frau?" Ob Haare und welche Farbe interessierte die Kinder ebenso brennend, wie der "blaue Jeansrock" unter dem Ordenskleid. Bei dem, Wort "Schullandheim" strahlt Schwester Aquinata. Erinnerungen werden wach an "kleine Hände halten, weil’s finster ist oder gewittert", an das Erzählen selbst erfundener Geschichten und an die Gaudi beim Gespensterspielen um Mittemacht.
Ab gestern ist das alles vorbei. Die Schule ist aus. "Endgültig, ich bin auch keine Reservelehrerin. Es war ein erfülltes Leben." Schwester Aquinata freut sich auf das kontemplative Leben im Kloster: "Ich habe auch während der Zeit als Lehrerin meine Gebetsverpflichtungen im Kloster voll erfüllt - aber jetzt brauche ich nicht mehr nach 21 Uhr Hefte korrigieren!" Die Oberlehrerin hat keine Angst, in ein "Rentnerloch" zu fallen: "Wir sind im Kloster eine Gemeinschaft - praktisch wie eine große Familie, einer trägt den anderen." Schwester Aquinata überlegt ein Weile, schmunzelt: "Ich hab' ja noch Arbeit: Ich bin Mesnerin. Allerdings eine Mesnerin, die das Läuten vergisst! Ich glaube, ich war nie so die typische Schwester - eigentlich wundert's mich, dass mich das Kloster behalten hat..."